Aadel Collection
The cursed Republic of god
Ausland
IRAN
Der verfluchte Gottesstaat
Dem konservativen Klerus läuft die Jugend weg, Reformerfewinnen an Boden. Die Angst vor
dem Krieg im Nachbarland Afghanistan zwingt zur Standortbestimmung: Soll sich Teheran mit dem
„Großen Satan“ USA versöhnen — und die Religion zur Privatsache erklären? Von Erich Follath
Revolutionstührer Chomelni, Chamenei auf einem Wahiplakat in Tehe,an: »Herrschaft Gottes“
DER SPIEGEL 44/2001
T rauer muss sie tragen, die heilige Stadt
Maschhad. Trauer ist ihr Daseins-
zweck, ihr Lebenselixier, ihre Passion.
Trauer und ein religiöser Opfertod bestizn-
men seit Jahrhunderten den Rhythmus die-
ses Wailfahrtsortes, prägen seine Geschicke,
seine Geschäfte, seine Gespräche.
Doch in diesen Tagen diskutieren die
Menschen in der nordostiranischen Vier-
millionenstadt neue, ganz und gar weltliche
Themen. Sie reden sich die Köpfe heiß
über eine Serie von 19 Prostituierten-Mor-
den, allesamt begangen in der Nähe des
heiligen Bezirks. Und über den Krieg im
nur 200 Kilometer entfernten Afghanistan
mit seinen drohenden Flüchtlingsströnien.
Einer der berühmtesten Märtyrer des
schiitischen Islam liegt in Maschhad be-
graben: der achte Imam Resa, ein direkter
Nachfahre des Propheten. Im Jahr 818 sol-
len ihn politische Gegner vergiftet haben,
weil der Kalif Mamun ihn zu seinem Nach-
folger bestimmt hatte. Mehrere Millionen
Pilger strömen jedes Jahr in das gold-
glitzernde Mausoleum, werfen sich vom
Schmerz überwältigt in den Staub vor der
prächtigen Gohar-Schad-Moschee, geißeln
sich beim Muharram-Fest selbst mit Mes-
sern und Peitschen, bis das Blut über ihren
Rucken spritzt.
Nichts hat sich in die Psyche streng-
gläubiger Iraner so eingebrannt wie die
Idee des Martyriums, das man um des
Glaubens willen auf sich nimmt. Nichts
liegt ihnen so nahe wie die Vorstellung, die
Welt könnte sich gegen sie vecschworen
haben. Wäre es also nicht denkbar, dass es
einen Zusammenhang gibt zwischen den
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darf
nicht mehr Qualität erwarten.
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Modsb.wusste Iranerinnen
Subversiv gegen die Sittenwächter
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Aus land
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Händler erzahlen von Drohungen und
handfesten Schikanen. Jederzt it könne
ibri ufenthaltsgenehm 1g ing für üngültig
erklärt werden. Wer auch nu t den Versuch
macht, Verwandt& aus Afghanistan hach-
zuholen, wetde abgeschoben — hi jiüber
nach Herat, hinein in d&i Krieg.
Dass dJ i fltuierten wirklich aus dem
afghan ,f u ieu st nmen, ist mehr als
in rs chüngen ergabS. dass
vie eiTr i lange als drogensüchtig &f isst
waren. c1 fungen hatten etwas von ei-
nem ku li .RituäL D
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Frauen, drap e sie b 1t ( kt kura.aivi.
ii i ihren Tschador — als wo l 3 er duith sei-
nen Umgang mit der „heiligen“ Kleidung
eine beschwörende Aussage machen
.,‚Spinneqnorde“ nannte die erstaunlich
offen beW tende Presse die Taten: Die
rn.‘auef Chatam ‘: L 1 ‚jte Versohnung
ener
Prostituierten. gtng 1 n Wurger, wie von
einer unwiderstehlichen
Kraft angezogen, scheinbar willenlos in
Netz Als Schuldigen stellten die Behorden
schließlich einen geistesgestorten Bauar 1
beiter vor — doch kaum einer in Maschhad
n ag an die Theone vom irren
glauben Die Mordsene wirkt mit r
wen Planung und Auswahl der Oprer wic
flul kldzug, wie das Werk politisch ein
Moralisten Und die Taten stie
i ch keinesfalls nur auf Abs c heu.
aeL,j i an den Stäb brethen über die-
i‘ 4e j Krankheiten. ausrotten, oder
hr‘ frenigen, dae JJ nkheiteri aus-
» z agte „Dschu JMaIm‘ 4 J eine
deij 5 . .tungen, die der-, id. crva Iiven
Gi cnkeit nahe tehen. Or m ächte zwi-
Am 24. Oktober in Teheran.
DEF SP
% II EL 44/ iD o l
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sihcn c n nLen kiar, daj i. 1%
kaat Iran einheimis c he ‚ostif ierte ja
P ht g b n könne. 5 . ?th&1r nicht
in der heiligäten Stadt s s, dem
„Grabplatz 4 s Märtyrers ‘ , had se t
Die Menschen von.MaschBed rt 1flefl
u - s ürerLjass da etwas rohlichqs
5 Mier korn 1 t, ein Front sich- auf sie zU-
re Dw ‘;timmung schwankt zwis hen
n iiid und aggressiv; sowohl bd den
Jungen, die sich zum Fast Food im „Fried
chicl u Pizza“ {re e 4e bei den Alte-
rei , die es zu Was - r ite ins traditi ?
neUe ‚jiesardestan . eehaus zieht. 0
größten Sorgen abei na hk man sich im
Viertel Golschahr. Dort leben di meisten
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dpeit, t lie d Prozentj der afgnani-
t Bevöl kerung ausmacb wur
T9yrarls Flüchdtngspol t 1 . von
derckli bis vor aS-
drt i gelobt. Zwa& 1 n Afgha-
nen keinen Pass und, ¶er laMe zahl auch
keine offlzielie Arbeits ubnis, aber
Schwarzarbeit wurde - eiq. Auge ‚y
drückt; der Zuzug von Parhilien lang... g
duldet. 1. .
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lj luchthngshochburg 1 hr ist
h‘aa 50 J er Beziehung dem Malten“ Masch-
Änteb r voraus: Die Hilfsorganisation
eine kl&-
.e lChflilStioii leh yteilt “ei‘ inen Ver-
e inten N manziei i ( Kinder-
(Z.B. Wärm .
sein oder auch die Nutzung
nicht nur dit :nergien. Davon profitieren dann
freunde. sond r 1ft& MPCuM!!WÄV eWY Nap ,-
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Älteren pu erkurse 1
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geschortet — spfem sict eine 9 00 Ittloryeter
lange Grenze n größtenteils bergigem
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S Jetzt schlagt die Stunde der Denun
iten, die von ‚Auslandeniutten tabu
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ui einer schizophrenen Situatioq fureh
tet weg n 4er wirtschafUich eit po je
qnd d r. höhen Arbeitslösi( q j ingil
überqueflenden Städten 1ie /er sd iale: -
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f Q iIt .hatpn .i ). Ein Madcnen er
ndergarteh könnte voi den
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. . ‘41 1 -. •i•• .. weite
te d una cen vor ScFirecken gt • -
‚ !i Augen. spricht qicht. Schon über drei
jahre nicht mehi . Si t zc ichnet st attdessFn
Bdne, Arme, Köpfe, die kärperlos durch
die Luft ffieg n “ / or 4miz as A i gen wur-
den ihr /Cater j Onkel und ihre Neffen
zeiStücktlt“. 1 erl die Betreuerin.
„Alle sind Ausländernutten 9
— iranische Prostituierte darf
es nicht geben
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•tis : t 1998 in Masar-i-Sph .h t 5 / fl
Ui ‚ ii Taliban dchteten , ( ‚ er Er-
obening de( Stadt ein Bhitl ar . vor al-
lem unter den verhässten sähiitiscbeni Ha-
zara. Uber 2000 Mönscheil sollen bei deift
Massaker urngekomnien sein. Männer wur
i ItR : an der Zung j i , Frauen hei
t idig n i LC L c t & ds - . iiterden To-
re l waren au IJJ &r} ar 9Lje Diplomaten.
Pie empörte iI . ..n .....ie Fub n fl schon
die Generahnouilmachu ‚ de rdnet.
200 OQO Soldiiten zogen ar f i afgbani:
chen $renze auf eine Una Delegatio n
verhinderte im letzten Moment einen
Kriegsausbruch. . -. .
Als der Bü enneiste -yön Teheranjetzt
leich iiacb dem Twiii-Tower-Terror an
ii4 September seinem Nöw York& Aihts-
ko l legen ein B lleidssvhr iben schickte, als
Präsident Mohamnned Chatami, s8, die
; ‚b rb &ische Taft‘ scharf vebrteilte, wit-
;ert n manche schon eine Aussöhnung zwi-
ebeii Iran und den l iSA. Doch so weit
ist es noch lang nicht. Ai.ieh die Reform-
rä4te verurtft $h ‘ d ele ? rikanisclien
Bombenan nmi i T.
Øeutsche Au bei in. T -
kz pt bep: yn 1n hin! 4‘bie iDi
L r w . eh seinsF Udterstützung dss «
r.bsiion avCt e!ierenden
suerriIl h ; 1 uer Liste der „? iiur-
« ? .nsta t Ili - - -
‚ SeRL $t ein ‘ lüi _ineterweiie Annäher
mochte Teheidn nicht bestätigen. Was
ton hattq gegen die usicherun& den i i
n ischen Luftraum nicht zu verLet .en, er-
reicht, däss US-Pilote bei einem mägli :
i t
Betr iun9 o Ke Wort
DER SPIEGE L
1. 4 3 /2 00 1 101
der rund .; &i ;b afghanCLni Flüchtlinge
von Masdhhad. Es ist Mne Stadt am Randc
der S dt , ähnlich zwai‘, aber kein Slum.
„Wp: siqd ruft unsere‘i franischen Brü-
dein lange ganz gi j ausgekommen, jetzt
aber ist PaI}jl a chen“ , sagt der vor
zehn Jahre id er ers t geflohene Hossein.
Sein Freun ‘ . t vor wemgen MQR8:
ten aus axhian geflüchtete Gewürt 1 isten
1er Hodajar, estätig das. Wie:die l .iit che
rt •üb i zwei Millionen afghani . nen
. ‘khdinge in hart fanden sie sich sch i I I
. urecht u nd, mussten nicht in e i - Auf-
tangl gpL , . , . ‘;ie jrechen Farsi und sind
Schi ite j , .... ihre Gastgebet . Sie gehören
zur Vo gruppe der Hazara, einer Mm-
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die ‘ “? )
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7 ir 1 ( 1 W gehöft jetzt die Entwicklungsbank DEG. Gemeinsam bilden wir die KfW-Bankengruppe - 1
--n Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft. Die KfW. Deutschlands große Förderbank. ist all«—
¶ m i der größten Finanziers von privatem Wohneigentum. Wobei sie in erster Linie
in iie Bauvorha ben unterstützt. Das können Maßnahmen zur CO 3 -Minder j
! k
1
darüber in Iran. Stattdessen druckte die
erzkonservative Zeitung „Tehran l imes“
auf der Titelseite eine Bildleiste mit den
„drei größten Terroristen“: George W.
Bush, Tony BiS, Met Sharon.
r7wei Schritte vor, einen zurück — und
tnnanchmal auch umgekehrt. So be-
schreiben iranische Reformer die Politik
hres Landes. Das Erstaunliche: Sie lassen
sich nicht entmutigen. Besonders nicht in
der Hauptstadt Teheran, dem ewig smog-
geplagten Zehn-Millionen-Moloch.
Die Islamische Republik hat das viel-
leicht merkwürdigste Regierungssystem
der Welt. Ajatollah Ruhollah Chomeini hat
es nach dem Sieg über den Schah 1979 ins
Leben gerufen und auf sich
selbst zugeschnitten. Sein
Herzstück ist die „Welajat-e
Sakih“, die „Herrschaft des
Wgöttlichen Rechtsgelehrten“.
Dieser Revolutionsführer
kontrolliert Justiz, Geheim-
dienst, Armee; außerdem
die milliardenschweren, ei-
nen Großteil der Wirtschaft
verwaltenden Stiftungen so-
wie den „Wächterrat“, der
alle Wahlen beaufsichtigt
und die Verfassungstreue
der Kandidaten überprüft.
Seit Chomeinis Tod 1989
heißt der Mann mit diesen
weit reichenden Machtbe-
fugnissen Ah Chamenei, 61
- wie sein Vorgänger ein
fundamentalistischer Theokrat, dem west-
Sche Demokratien verhasst sind.
Parallel zum Gottesstaatlichen existie-
ren parlamentarische Institutionen. Das
Volk wählt seine Abgeordneten, die be-
stimmen die Regierung. Doch der Spiel-
raum des Präsidenten ist gering — auch
162
wenn er mit so über-
! wältigendem Erfolg
(1997: 69 Prozent, 2ooi: 77 Prozent) ge-
wählt und wiedergewält wird wie der libe-
nie Cliatami. Er gleicht in seinen Aktionen
eher einem Oppositionsführer denn einem
Regienmgschef — zwangsweise im Wider-
spruch zu einem System, das den Volks-
willen zu vergewaltigen droht, weil es sei-
ne ganze Autorität von Gott herleitet.
Veränderungen müssen sich zuerst in der
Gesellschaft durchsetzen, um sie in der
Politik unumkehrbar zu machen. Damit die
beharrenden religiösen Kräfte nicht jeden
Fortschritt blockieren, muss Chatami auf
den Mut kritischer Journalisten und mutiger
Professoren sowie auf den Druck der Straße
setzen. Und auf die - im
Schiitentum so gepriesene
und weit verbreitete - Op-
ferbereitschaft. An tollküh-
nen Mitstreitern herrscht
kein Mangel. Da ist etwa der
Satiriker Ebrahim Nabawi,
43, der im Jahr 2000 wegen
„Umtrieben gegen die Staats-
gewalt“ wieder einmal drei
Monate im Gefängnis saß,
fünf Monate Bewährung ste-
hen noch aus. Ein iranischer
Till Eulenspiegel mit ver-
schmitztem Lächeln, seinen
Verfolgern immer einen Witz
voraus. „Knast bildet“, sagt
er. „Hab dort mehr gelernt
als während meines Soziolo-
giestudiums.“ Gerade hat er
einen Aufsatz veröffentlicht, der „belegt“,
warum seine Landsleute nicht für das At-
tentat von New York verantwortlich sein
können: „Mehr als ein Dutzend Iraner, die
pünktlich zu einem Termin am Flughafen
kommen — ausgeschlossen. Außerdem wären
sie nach Hawaii geflogen.“
DER SP IEGEL 44/2001
Vizeprisidendn Ebtekar
„Wir waren naiv“
Der investigative Autor Abbas Abdi, der
Stadtverordnete Ebrahim Asgharsade, der
Präsidentenbruder Ren Chatami, der —
nach einem Attentat religiöser mtras an
einen Rollstuhl gefesselte — ehemalige Ge-
heimdienstvize Said Hadscharian: Sie alle
zählen zu den prominenten liberalen Re-
formern, die mit ihrer unverblümten Kritik
den Zorn der Kleriker riskieren und immer
mit eineinhalb Beinen im Gefängnis ste-
hen. Aber noch etwas verbindet die vier.
Sie sind die Revolutionäre von einst. Sie
gehörten 1979 in Teheran zu den Beset-
z orn der US-Botschaft, die 444 Tage lang
mehr als 50 Amerikaner in ihrer Gewalt
hielten.
Die Geiselnehmer hatten
einejunge Studentin in ihrer
Mitte, die ihre gemeinsame
Sache gegenüber der Außen-
welt vertrat und die westli-
chen Medien durch ihr gutes
Aussehen, ihre Eloquenz und
ihre feurig-revolutionären
Reden besonders faszinierte.
„Mary“ nannte sie sich.
„Mary“ alias Massumeh Eb-
tekar, 40, ist heute Vizepräsidentin Irans,
besonderer Schwerpunkt Umweltschutz.
Auch diese Geiselnehmerin zählt sich heu-
te zur Reformbewegung.
Ganz in schwarzes Tuch gehüllt, die Au-
genbrauen nachgezogen, die Stimme sanft,
aber ausdrucksvoll: eine Idealbesetzung
der Maria für die Oberainmergauer Pas-
sionsspiele. Und immer noch kämpferisch.
Ebtekar macht gegenüber dem SPIEGEL
nicht auf reuige Sünderin. „Wir Studenten
hatten nach dem Sieg der Revolution den
begründeten Verdacht, dass die CIA einen
Putsch in Iran plante, wie schon 1953 gegen
(den demokratisch gewählten linken Prä-
sidenten) Mossadegh“, sagt sie. „Dem ver-
suchten wir mit einer spektakulären Ah-
„Mary“ macht Karriere —
von der Geiselnehmerin zur
Vizepräsidentin Irans
tion zuvorzukommen - das bedeutete, zu-
gegeben, auch Freiheitsberaubung.“
Nur ein paar Tage wollten sie „das Spio-
nagenest“ (den Ausdruck benutzt sie noch
heute) besetzt halten, „tief in unserem In-
nern waren wir überzeugt, dass Gott auf
unserer Seite stand, und wir waren auch
bereit, den MärtyrertOd zu sterben“. Eb-
tekar hat in den Jahren danach erkannt,
dass ein Teil des klerikalen Establishznents
die Aktion zu seinen scharimacherischen
Zwecken nutzte. „Wir waren naiv. Und
doch denke ich, war nicht alles vergebens;
Es gibt eben Abschnitte in der Geschichte
jeder Nation, in denen sie ihre Identität
und Würde wiedergewinnen muss.“
Ebtekar bestand nach dem Ende der
Geiselnahme ihr Examen, heiratete einen
ihrer studentischen Mitstreiter, brachte
r
zwei Kinder zur Welt. Sie arbeitete als Im-
munologin, engagierte sich im Umwelt-
schutz und begann an der Seite Chatamis
gegen die Ewiggestrigen zu kämpfen. Heu-
te kann sie sich eine Versöhnung mit den
USA vorstellen, „aber nur als Partnerschaft
unter Gleichberechtigten“. Und sie glaubt
fest daran, dass ein „Dialog der Kulturen“
die Menschen im Westen von der Schön-
heit und kämpferischenPriedfertigkeit des
Islam überzeugen könnte.
Sie ist 1997 als erste Frau Kabinettsmit-
glied geworden, nun hat sie eine Kollegin
in der Ministerrunde. Iranerinnen feiern
auf allen Ebenen stolze Erfolge: Fast die
Hälfte der Studentenschaft ist jetzt weib-
lich, ein Drittel des Lehrpersonais. Frauen
drehen Pihne, gründen Zeitungen, über-
nehmen Finnen - das entspricht nicht dem
westlichen Bild der islamischen Welt. Und
doch gibt es auch in Sachen iranischer
Hinter den Mauern treffen
sich die jungen Reichen
zu Drogenpartys und Sex
Emanzipation bizarre Widersprüche. Die
Aussage einer Frau vor Gericht zählt nur
halb so viel wie die eines Mannes, in der
Öffentlichkeit singen darf sie nicht und für
das Verlassen ihres Landes braucht sie die
schriftliche Einwilligung ihres Gatten.
Schizophrenie überall. Soll man es für
einen Erfolg der Reformer halten, dass ihre
Recherchen und Enthüllungen zu einer
Mordserie an fünf lntellektuellen 1999 den
tL Geheimdienstminister zum Rücktritt ge-
JE zwungen haben — oder ist der größere
1‘ Skandal, dass fanatische, von Radikailde-
t, rikern angestiftete Agenten diese Taten
überhaupt auszuführen wagten? Ist es ein
Fortschritt, dass heute wieder eine sys-
: temkritische Zeitung wie „Nowrus“ er-
1 : scheinen kann — oder wiegt das Verbot
j: von zwei Dutzend reformorientierter Blät-
ter im Frühjahr 2000 schwerer? Als letzte
t Schikane haben die Religiösen im Sep-
1 tember die Verhaftung von 30 Parlamen-
tariern angeordnet, wegen aufwiegelnder
t. Reden in der Volksvertretung. Diesmal
f• protestierte selbst der sonst so vorsichtige
Chatami vehement und verwies auf deren
Immunität.
. Die Revolutionäre von einst wie Ebtekar
4 ; und Abdi warnen heute die ungeduldigen
1 Studenten vor gar zu großem Wagemut,
T mahnen zur Besonnenheit. Sie fürchten
ein Blutvergießen und zitieren den Koran:
; „Gott ist mit den Geduldigen.“ Sie glau-
. ben, wie ihr Idol Chatami, an den gradu-
eilen Wandel. Doch möglicherweise ist es
dafür schon zu spät. „Wir sind diesen Muff
. unter den Kleriker-Rohen so satt“, sagt ein
- militanter Student beim Geheimtreff.
„Wenn die Mullahs nicht freiwillig gehen,
müssen wir sie eben gewaltsam wegfegen
und mit ihnen diesen ganzen verfluchten
Gottesstaat.“
A i i s a I i d
Die Mehrheit der jungen Iraner unter-
gräbt das System, indem sie seine Vor-
schriften nicht mehr ernst nehmen. Satel-
litenschüsseln, obwohl offiziell verboten,
tauchen übera l l auf (und werden schnell
abmontiert, wenn die Religionspolizei kon-
trollierQ. Bei den Partys im reichen Norden
Teherans trifft sich die Jeunesse dor6e hin-
t or hoben Mauern zu Whisky Drogen und
schnellem Sex. In den Parks provozieren
die Mittelklasse-Jugendlichen die Sitten-
wächter mit subversivem Händchenhalten.
Die jungen Damen überlegen immer
neue Varianten, wie sich das Kleiderdiktat
aufweichen lässt. Die Kopftücher werden
immer bunter und kürzer getragen, die
Tschadore mit Schulterpolstern aufge-
peppt. Und wohl nirgendwo auf der Welt
schminken sich Frauen so sorgfältig und so
aufreizend. Der letzte Schrei, um Männer
anzulocken: ein „Nose Job“, die Nasen-
operation durch den Schönheitschirurgen
auf Ilollywood-Ideahnaß.
Die Revolution der Ajatollahs richtet sich
selbst: durch ihren Kindersegen. Chomeini
hatte nach der Gründung des Gottesstaates
die Parole ausgegeben, so viele Kinder wie
möglich in die Welt zu setzen. Im Krieg ge-
gen den Irak — 1980 von Bagdad begonnen,
dann von Teheran in die Länge gezogen -
verheizte er dann vieleJugendliche, die mit
dem „Plastikschlüssel zum Paradies“ um
den Hals als „Märtyrer“ an die Front und in
die Minenfelder geschickt werden acht Jah-
DER SPIEGEL 44 12001
L*t rT
das Private zurückzuerobern, wird diese Ju-
gend politisch. Und selbst dergrößte Erfolg
des Gottesstaates schlägt auf ihn zurück:
Die Jungen sind gut ausgebildet und da
durch viel weltoffener als ihre klerikalen
Lehrer. Mehr als 8 0 Prozent aller Iraner
können heute lesen und schreiben, unter
dem Schah-Regime waren es gerade mal 40
Prozent.
„Grundregel Nummer eins auf Teherans
Straßen: Niemals in einer Taxischlange mit
einem Mullah anstellen“, sagt im Mclii-
Park die junge Skaterin Parastu. „Da fah-
ren nämlich alle vorbei.“ Mit kühnem
Schwung dreht die i i-Jährige noch einige
Kreise, schaut dabei verzweifelt herunter
auf ihren Tschador. „Ich bin Eiskunstläu-
fern und würde so gern an den nächsten
Olympischen Spielen teilnehmen. Meinen
Sie, bis dahin könnte es erlaubt sein, in ei-
nem kurzen, sexy Dress aufzutreten?“
D ieses Land kennt keine sanften Über-
gänge, nicht in der Politik, nicht in der
Natur. Gleich außerhalb Teherans beginnt
die Wüste, feiner Sand dringt durch die
Autofenster, knirscht bald in den Zähnen.
Vorbei am Ajatollah-Chomeini-Mauso-
leum Richtung Süden, in die i. o Kilome-
ter entfernte heilige Stadt Ghom. Hier liegt
Fateme begraben, die Schwester des
Maschhad-Märtyrers Imam Resa. Hier
lernte und predigte Chomeini, machte den
Ort zur Wiege des Gottesstaates. Imnw
STAN
Maschhaci.
: : ‚
uTe lAu
.Ghom
. Isfahan
SAU D I -
ARABIEN
4
STØ
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. R iad
„
— Bnittoinlands-•
produkt pro Kopf: 5530 Dollar
•: um Wrgjeich Deutsch land: 24 900 Do llar
Ilauptexportgüter ‚ 82,5%
.L ] !k [ ! :
re lang ging das Gemetzel, rund eine halbe
Million Menschen verloren ihr Leben. Aber
die Geburtenrate stieg weiter und die Be-
völlcensngszalilen explodierten. Heute muss
Iran mehr als 62 Millionen Menschen
ernähren, zwei Drittel sind jünger als 25
Jahre. Sie suchen Jobs, sie träumen von per-
sönlichen Freiheiten. Allein schon um sich
noch gilt Ghom als Hort der Erzkonserva-
tiven. Und amerikanische Geheimdienst-
leute glauben, dass mehrere Terrorisi
die auf ihrer Liste der Meistgesuchten
hen, hier untergetaucht sind.
Chomeini überall, überlebensgroß. Auf
Plakaten und an Hauswänden, oft zusam-
men mit Chamenei — als müsste der heu-
•1
tige religiöse Führer des Landes sich aurch
diese Nähe zusätzliche Legitimation si-
chern. Nachts werden die Poster bestrahlt.
ie Geistlichkeit will zeigen, wie modern
je jst im Jahr 1380 (berechnet nach der
Hidschra, dem Auszug des Propheten
von Mekka nach Medina, aber anders als
in der arabischen Welt, wo es bereits
1422 ist). Besonders das Islamische Zen-
trum nahe der berühmten Feisije-Medres-
se beweist, dass Ghom mit der Zeit geht.
„Man nennt mich den Computer-Aja-
tollah“, sagt stolz am Empfang der Geist-
liche Korani.
Er hat eine Software entwickelt, die dem
Gläubigen alle Fragen beantworten hilft:
„Testen Sie, Sie können Eingaben machen
nach Fersonennamen oder Begriffen.“ Je-
sus Christus (im Koran als Issa bekannt
und als einer der Propheten geschätzt):
5901 Treffer auf dem Bildschirm. Dschi-
had, oft übersetzt als „Heiliger Krieg“:
. 4020 Treffer. Und wie wär‘s mit Osama Bin
Laden und al-Qaida? Ohne eine Miene zu
verziehen, tippt der Computer-Ajatollah
in die Tasten. Zwei Dutzend religiöse Fund-
stellen. „Wir haben viele saudi-arabische
Connections“, erklärt der Theologe.
Nur nach dem Großajatollah Hossein
Ah Montaseri, 78, mag er nicht schauen —
anders als jeder Terrorist ist er ein Tabu in
Ghom. Der gemäßigte Gegenspieler Cha-
meneis, ihm in seinem religiösen Status
mindest gleichwertig, steht hier in Ghom
eit Jahren unter Hausarrest. Monta-
sen verurteilt die „mit dem Knüppel agie-
rende und auf Raub beruhende Herrschaft
der Rechtsgelehrten“. Montaseri ist für
die Männer um Chamenei zu gefähr-
Dcl i, als dass sie ihn freilassen könnten;
doch zu einflussreich, als dass sie wagen
würden, ihm Gewalt anzutun. Sein Lehr-
_____ istitut haben islamistische Schläger ver-
üstet, viele seiner Anhänger sitzen im
Gefängnis.
Aber selbst in Ghom gibt es jetzt Dis-
sidenten. Als sich Religionsstudent Ah im
Hause eines Freundes sicher fühlt, er-
Ausland
zählt er Ungeheuerliches. Hodschatolislani
Schabestari predige offen darüber, dass
man das Verhältnis von Staat und Glau-
ben neu bewerten müsse: Der wahre Is-
lam dürfe nicht aufgezwungen sein und
könnte als Privatangelegenheit verstanden
werden.
Auch der Philosoph Abdolkarim So-
rusch, der sich für den Säkularismus aus-
spricht, werde in Studentenkreisen lebhaft
diskutiert — ein islamischer Martin Luther
hält Einzug, ausgerechnet in Ghom. Und
offensichtlich mit Erfolg. Die Mehrzahl der
Seminaristen hat sich bei den
Wahlen für die Kandidaten des
Präsidenten Chatami entschieden,
nicht für die in der Hochschule
empfohlene Kleriker-Fraktion. Und
so mancher Mullah beginnt sich in
die Richtung der Reformer zu ori-
entieren, eher aus Opportunismus
denn aus Überzeugung.
„Sie finden seltsame Konverti-
ten in dieser Stadt“, sagt Ali und
zeigt den Weg zum Haus des Aja-
tollah Sadegh Chalchali. „Und sei-
ne ist die merkwürdigste Karriere
von allen.“
Nicht weit von einer Metzgerei
in einer schönen Wohngegend ein
Eckhaus mit Blumen im Vorgarten
und bunten Kacheln an den Wän-
den. So adrett also lebt der Mann,
der lange Zeit gefürchteter war als
alle anderen in diesem Land, dessen Fe-
derstrich den Tod bedeutete: der Blutrich-
ter der islamischen Revolution, der irani-
sche Robespierre.
Von Anfang 1979 bis Ende 1980 schickte
Chalchali Tausende in den Tod. Manchmal
dauerten die Gerichtsverhandlungen fünf
Minuten, manchmal gab es gar keine. Zu
seinen Opfern zählten der langjährige
Premier des Schabs, Schergen des
Geheimdiensts, kleine Beamte des
früheren Regimes. Überhaupt „Un-
gläubige“ aller Art: 14-jährige Jungs,
die sich einen Scherz über den Reli-
gionsfübrer erlaubt haften, Drogen-
abhängige, Homosexuelle. Chalcha-
li verurteilte sie wie im Rausch, als
bezahlte ilm ein Höherer für jeden
Tropfen vergossenen Bluts, und für
jeden Liter ein Sonderbonus. Er
brüstete sich damals gegenüber Jour-
nallsten offen seiner Taten.
Heute mag Chalchah, 75, keine
Interviews mehr geben. Er schlurft
durch seinen Garten, ein gebrechli-
cher, glatzköpfiger Gnom, gezeich-
net vom nahenden Tod. Schon vor
Jahren haben ihm die Ärzte einen
dreifachen Bypass gelegt, doch jetzt
will das Herz gar nicht mehr mit-
spielen: Die Blutzufuhr stockt, sa-
gen die Mediziner, die erjeden Don-
nerstag in Teheran aufsucht und die
ihn am liebsten ins Krankenhaus
überweisen würden.
Aber das lässt Chalchali nicht mit sich
machen, er doch nicht, der Held, gnaden-
los gegen andere wie gegen sich selbst. Und
sagt: „Ich habe alles, was ich tat, im Auf-
trag des Imam (Chomeini) getan.“ Keine
Reue, wenn er bald vor seinem obersten
Richter steht? „Ich bin überzeugt davon,
Urans Robespierre möchte
Reformer werden — aus
„Respekt vor dem Gesetz“
positiv beurteilt zu werden - meine Urtei-
le sind über alle Zweifel erhaben.“
Chalchali war im Dezember 1980 von
Chomeini selbst wegen gar zu vieler Exe-
kutionen aus dem Verkehr gezogen — und
zum Verkehrsrichter degradiert worden.
Später wurde er unter Hausarrest gestellt.
Als ihn schon keiner mehr auf der Rech-
nung hatte, trat der Blutrichter 1999 mit
einem flammenden Appell filz die Libera-
len an die Öffentlichkeit, deren „Toleranz
und Respekt für das Gesetz“ ihm so sehr
gefielen. Doch den Politikern um Präsident
Chatami war die Unterstützung peinlich,
sie gaben ihm keinen Platz auf der Kandi-
datenliste fürs Parlament.
Robespierre als Reformer - Chalchalis
Kalkül ist nicht aufgegangen, und so ist er
nun wohl endgültig abgemeldet.
Auf die hoben Mauern vor seiner Villa
sind Graffiti gezeichnet, in purpurrot. Re-
former, die Revolutionäre anidagen? Re-
volutionäre, die Reformer beschimpfen?
Weder — noch. Die Botschaften sind Teil
der neuen kleinen Freiheiten und Sehn-
süchte, die wohl eines Tages den großen
Entwurf vom Gottesstaat zum Einsturz
bringen werden: „Willkommen im Inter-
net-Caf “, heißt es da. Und: „Freut euch,
Iran wird Fußball-Weltmeister.“
1930
1979
2000
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Entwicklung erster
Drittgröater Wasser-
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1
ii
HIng.rlchtste Dealer (2001): Gnadenlose Härte
Blutrichter Chalchall (1980): Keine Spur von Reise
-
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164 DER SPIEGEL 44/2001
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